6. Jahrgang 2006/Heft1

Freud und die Folgen
Eveline List (Hg.)

Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 1/06
186 Seiten
€ 21.00/sfr 36.90
Einzelheft StudentInnen (Bestellung mit Beilegung einer Inskriptionsbestätigung): Euro 14,40
Zu Bestellen im Studienverlag 

Beiträge

  • Sabine Götz/Elisabeth Skale: Die Psychisierung der Welt
  • Eveline List: Keine Tocher Freuds: Margarete Hilferding und die frühe Psychoanalyse
  • Theo Meißel: Freud, die Wiener Psychiatrie und die „Kriegszitterer“ des Ersten Weltkriegs
  • Renate Göllner: Die Grenzen der Erziehung im Roten Wien. Zur psychoanalytischen Kritik der Individualpsychologie bei Siegfried Bernfeld

Forum

  • Jan Assmann: Archäologie und Psychoanalyse. Zum Einfluß Freuds auf die Kultur- und Religionswissenschaft
  • Eveline List: Die Psychoanalyse - auch eine Geschichtswissenschaft
  • August Ruhs: Film und Freud

Neu gelesen

  • Gerhard Scheit: Nikola Langreiter / Margareth Lanzinger (Hg.), Kontinuität: Wandel. Kulturwissenschaftliche Versuche über ein schwieriges Verhältnis

Rezensionen

  • Sabine Schlüter: Joachim Küchenhoff, Die Achtung vor dem Anderen. Psychoanalyse und Kulturwissenschaften im Dialog
  • Martin Gasteiner: Christfried Tögel, Freud für Eilige
  • Alois Ecker: Moshe Zuckermann (Hg.), Geschichte und Psychoanalyse
  • Tom Verschaffel: Martina Fuchs, Karl V. Eine populäre Figur? Zur Rezeption des Kaisers in deutschsprachiger Belletristik
  • R.J.W. Evans: Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter

Freier Aufsatz

  • Georg Fingerlos: Als die Leute von Bruck a. d. Mur ihren ehemaligen Kaiser, den seligen Karl, töten wollten Ulrich Weinzierl: Was ist Wahrheit? – Zur Seligsprechung des letzten österreichischen Kaisers
  • Eveline List: Sine dignitate: Unbewusste Aspekte im Umgang mit Karl I

 

Hefteditorial

Freud und die Folgen

Für eine historische Zeitschrift kann der Entschluss zu einem Themenheft aus Anlass eines runden Jahrestages nicht naiv getroffen werden; erst recht nicht wenn er in eine dichte Aufeinanderfolge von ‚Gedenk‘-, ‚Gedanken‘-, ‚Bedenk‘-und anderer höchst unterschiedlicher Erinnerungs-‚events‘ fällt, wie sie die Jahre 2005 und 2006 unweigerlich mit sich bringen. Wenn die Redaktion sich entschlossen hat, den Begründer der Psychoanalyse und seine Wissenschaft zum Gegenstand einer Anzahl von Beiträgen zu machen, so geschieht das dem vordergründigen Rummel um seine Person zum Trotz und vor allem

– wie der Titel des Heftes deutlich macht – in der Absicht der Bedeutung, dem Einfluss und den Auswirkungen seiner Arbeit in einigen Bereichen auf den Grund zu gehen.

Sigmund Freud wird in Österreich traditionell wenig zu beachtet – jedenfalls viel weniger als seiner internationalen Reputation entspricht. Im intellektuellen Leben und besonders im universitären Betrieb sind seine Theorien kaum vertreten. Wenngleich sich niemand seiner Ignoranz bezüglich der Psychoanalyse rühmt, ist doch davon auszugehen, dass die Kenntnis der Schriften Freuds und erst recht das Studium seiner Methode nur wenig verbreitet sind.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren geboren. Schon Anfang 1860, kam er mit einer der frühen Migrationswellen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts osteuropäische Juden auf der Suche nach ökonomischen und politischen Verbesserungen in die Reichshauptstadt brachten, nach Wien, dessen intellektuellen Ruf in der Welt er im folgenden Jahrhundert maßgeblich mitprägen sollte. Wie vielen jüdische Studenten jenes ärmlichen Milieus, dem er entstammte, wurde auch Sigmund Freud die Medizin zum Aufstiegsstudium schlechthin. Der Arztberuf hatte als gleichermaßen intellektuelles wie praktisches Feld wissenschaftliches und ökonomisches Potential, was für die entstehende Psychoanalyse von entscheidender Bedeutung wurde und tief greifende Folgen hatte.

Freud verstand sich immer zuerst als Forscher und bald als Begründer einer Wissenschaft mit vielfältigen Anwendungsgebieten, wobei er die therapeutische eben nur als eine dieser Möglichkeiten sah, die freilich die Untersuchung der Verhältnisse mit deren praktischer Veränderung verbinden konnte. Die eigensinnige Originalität seiner Forschungen, die Konsequenz der Methodik und die besonderen Umstände der Organisation der neuen Disziplin außerhalb der Universität trugen gleichermaßen zu jener komplexen Vielfalt theoretischer und methodischer Bausteine bei, die schließlich die Wissenschaft vom Unbewussten und seinen Manifestationen begründete.

Im globalen Rahmen scheinen die Einsichten der Psychoanalyse längst Teil des Allgemeinwissens zu sein; inzwischen sind etliche ihrer Begriffe fest im Wortschatz des westlichen Alltagsjargons verankert. Auch Politiker sprechen von ‚Verdrängung‘, vom ‚Unbewussten‘ oder von ‚Freud’schen Versprechern‘. Die Wahrheit ist aber auch, dass psychoanalytische Theoremein aller Konsequenz und Radikalität recht selten Eingangin den Wissenschaftsbetrieb oder garin das Alltagswissen der Menschen gefunden haben. Diesliegt zum Teilgewiss an der Komplexität psychoanalytischer Konzepte; eine weitere, tiefgründigere Ursache hat Freud selbst beschrieben: „Mit der Hervorhebung des Unbewussten im Seelenleben“ habe er zugleich „die bösesten Geister gegen die Psychoanalyse aufgerufen“. Weiter führt er aus: „Zweigroße Kränkungenihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheitim Lauf der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich für uns an den Namen Kopernikus, obwohl schon die alexandrinische Wissenschaft ähnliches verkündet hatte. Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte,ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. Diese Umwertung hat sichin unseren Tagen unter dem Einfluß von Ch. Darwin, Wallace und ihren Vorgängern nicht ohne das heftigste Sträuben der Zeitgenossen vollzogen.“1 In diese Serie kränkender Erkenntnisse der Naturwissenschaften reiht Freud auch seine eigenen Einsichten in die Beschaffenheit der menschlichen Psyche: „Die dritte und empfindlichste Kränkung aber solldie menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche demIch nachweisen will, dass es nicht einmalHerrim eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusstin seinem Seelenleben vorgeht.“2 Es liege gewissermaßen im Gegenstand der Psychoanalyse selbst, dass sie sich nicht ungeteiltenInteresses erfreuen dürfe, sondernim Gegenteilzum Ärgernis werde und durch ihre Ergebnisse das tiefste Misstrauen der Menschen auf sich ziehe.

Dem stehen eine lange Tradition der Auseinandersetzung verschiedener Disziplinen mit der Psychoanalyse, sowie vielfältige interdisziplinäre Kooperationen entgegen. Ein Beispiel dafür ist auch das vorliegende Heft, zu dessen Autoren Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker ebenso zählen, wie Vertreter historischer Disziplinen.

Die vier Beiträge begleiten Freud und die Psychoanalyse durch die ersten Jahrzehnte und geben Beispiele ihrer Wirksamkeit.

Sabine Götz und Elisabeth Skale stellen die Entwicklung der psychoanalytischen Theoriebildung dar, die auch den Charakter einer neuen Weltsicht hat Sie eröffnet ein Dispositiv, durch welches die Wirklichkeit nun als „psychisierte“ betrachtet wird und die eine Methode begründet, mittels welcher diese reflektiert werden kann.

Die Frühgeschichte der Psychoanalyse behandelt der Beitrag über Margarete Hilferding, der auch jene Konventionalität thematisiert, mit welcher sich die revolutionäre neue Wissenschaft immer wieder paarte. Das Thema der Gleichberechtigung der Frauen spielte dabei eine besondere Rolle.

Theo Meißel führt uns bis in die Behandlungsräume und in der Folge auch in die Gerichtssäle in der Auseinandersetzung um die ‚Kriegszitterer‘ des Ersten Weltkrieges, und referiert die verschiedenen Positionen der zeitgenössischen Psychiatrie gegenüber den an den Kriegshändeln erkrankten Soldaten. Dabei rücken die verschiedenen Zugänge der beiden ‚Kontrahenten‘ Sigmund Freud und Julius Wagner-Jauregg ins Zentrum, wobei die breitere Sichtweise der Psychoanalyse sowie Freuds Entwicklung vom spontanen Befürworter zum scharfen Gegner des Krieges deutlich wird.

Renate Göllner untersucht eine vergleichbare Unterschiedlichkeit in einem anderen Feld. Siegfried Bernfeld und Alfred Adler, zwei Schüler >Sigmund Freuds, waren beide konzeptiv und praktisch im Bereich der theoretischen und klinischen Erziehungspsychologie des „Roten Wien“ tätig und vertraten doch prinzipiell verschiedenen, wenn nicht gegensätzliche Positionen. Göllner arbeitet besonders die politischen Konsequenzen der verschiedenen Zugänge und Verstehensweisen heraus.

Das Forum stellt unterschiedliche Felder dar, in welchen die Psychoanalyse wirksam ist. Die Beiträge erlauben Einblicke in die spannungsreiche Beziehung der Psychoanalyse zu anderen Disziplinen anhand dreier Beispielen und beschreiben zugleich unterschiedliche Anwendungsgebiete.

Jan Assmann schildert zunächst sehr persönlich den Weg eines Altertumswissenschafters zur Psychoanalyse, stellt dann exemplarisch und genau den besonderen Wert einer solchen Erweiterung des Blickwinkels dar und benennt auch kritische Positionen.

Im zweiten Beispiel geht es um das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Geschichtsforschung. Einerseits ist die Psychoanalyse selbst eine historische Wissenschaft, andererseits kann sie aber auch in ein besonderes Verhältnis zu den Geschichtswissenschaften treten und mit ihnen nicht nur den Gegenstand teilen, sondern zu neuen Fragestellungen und methodischen Erweiterungen führen, und dabei selbst zum Objekt der Kritik werden.

Der Beitrag von August Ruhs reflektiert die komplizierte Beziehung zwischen Psychoanalyse und Film, welche beide gleichzeitig entstanden und immer wieder sehr produktiv aufeinander bezogen sind.

Ein freien Aufsatz greift Georg Fingerlos ein in der Öffentlichkeit wenig präsentes Thema der jüngeren österreichischen Geschichte auf: Den Restaurationsversuch, des ehemaligen Kaisers Karl I. (IV.) in Ungarn, dessen Scheitern, und schließlich die stürmischen Umstände der Fahrt des Gescheiterten durch Österreich in die Schweiz im April 1921.

Dieser Beitrag wird von zwei Kommentaren ergänzt, welche auch auf die Seligsprechung Karl in Rom im Oktober 2004 eingehen, durch die der Habsburger einige Zeit hindurch auch wieder in die Medien gelangt ist.

In der Rubrik „neu gelesen“werden dreiTexte Sigmund Freuds, welche für die Geschichtswissenschaften von besonderem Interesse sind, einer neuen kritischen Würdigung unterzogen. Ein allgemein sozialpsychologischer und ein Religionspsychologischer Text, sowie die große Arbeit über Massenpsychologie.

Trotz der Vielfalt der Themen der und Breite der Aufsätze muss der Band viele Dimensionen aussparen. Ganze Forschungsbereiche wie die Gedächtnisgeschichte, die Emigrationsforschung oder das besonders wichtige Feld psychoanalytischer Antisemitismusuntersuchungen konnten leider keine Berücksichtigung finden.

Eveline List

Abstracts

Eveline List: Not one of Freud’s Daughters – Margarete Hilferding and Early Psychoanalysis

The first woman to complete medical studies at Vienna University, Margret Hilferding, also became the first female member of the Vienna Psychoanalytical Society. Although she overcame severe male prejudices, there seems to have been little recognition of her contributions. Still she made interesting commentaries and defended original ideas and interpretations. Especially her lengthly paper on „The Foundations of a Mother’s Love“ was a pioniering contribution to psychoanalytic theory and developmental psychology. Hilferding took sides with Adler in his conflict with Freud and was then forced to chose between renouncing her support for him and leaving the Society, which she then did together with six other members.

Theo Meißel: Freud, Vienna Psychiatry and the Shell Shock Patients of the First World War

In 1920, Julius Wagner-Jauregg, the head of the psychiatric clinic at the University of Vienna – a scientist, teacher and civil servant of the health authorities, who represented and shaped Austrian psychiatry for decades – had to justify the treatment of so called „war-neurotic“ soldiers in his clinic before a military commission. Sigmund Freud was called in for a second opinion. This meeting of the most important personalities of Austrian orthodox psychiatry and psychoanalysis will be taken as an example that clarifies differences between both approaches to understanding man and psychic illnesses in relationship to their therapeutic, social and political implications.

Renate Göllner: The Limits of Education in ‚Red Vienna‘. Siegfried Bernfeld’s psychoanalytic critique of Individual Psychology

Between the two World Wars the schoolof ‚Individualpsychologie‘had far moreinfluence in Vienna than psychoanalysis. Alfred Adler’s educational psychology was ideologically much closer to social democratic ideas. Whereas Adler’s ‚Gemeinschaftsgefühl‘ has strong affirmative connotations in regard to state interests, Sigmund Freud’s psychoanalysis tends to strengthen the individual against mass dynamics and group cohesion. On this basis Siegfried Bernfeld fundamentally criticized theillusionary optimism of social democratic social and educational policies. On the basis of Freud’s mass psychology Bernfeld foresaw the destruction of the European Jews.

Jan Assmann: Sigmund Freud and Ancient Studies (Altertumswissenschaften)

Taking Freud’s passionate interest in archeology as a starting point, the paper considers the impact of his writings on a fictional archeologist and in consequence upon his scientific findings. In a second step, Freud’s study of Moses is taken as an example to investigate some of his concepts with regard to their current significance and validity. Especially the idea of ‚phylogenetic memory‘ is critically analyzed and rejected. Finally, not withstanding their historicalincorrectnessin this respect the value of Freud’s findings is emphasized and possible ways of using his insights into unconscious phenomena in further historical investigations are suggested.

Eveline List: Psychoanalysis – a historical discipline

History and psychoanalysis share a common subject matter as well as some of their methods. However, in contrast to history, psychoanalysis attempts to make the unconscious concious, i. e., to interpret facts and data that do not present themselves for investigation in an obvious way, but are rather repressed or neglected. More important, psychoanalysis offers a complex theory of the mind. As social science, Freud’s findings offer a number of dynamic and developemental concepts that may help to understand human motives and conflicts as well as ideologies or institutions, thus combining psychology of the individual and of collective formations.

August Ruhs: Film and Freud

Among the various labellings of the twentieth century, the development of its specific „homo psychologicus“ and the predominance of a „cinematic society“ as the consequences of Freud’s psychoanalysis on one hand and Lumière’sinvention of filmic pictures on the other are of great importance. But despite their contemporaneous origin and despite many other common features, it took a rather long time for a fruitful encounter of these two outstanding phenomena to occur. G. W. Pabst’s film „Secrets of a Soul“, created in 1925 in collaboration with two members of the Berlin Psychoanalytic Society, was a cornerstone in this common history. From that moment early psychologicallyorientated attempts at film theory became more and more influenced by psychoanalytic models ofinterpretation, while at the same time psychoanalytic topics and psychoanalytic theories increasingly affected the contents of cinematic productions and the creative ideas of many filmmakers. Especially for Lacanian structural psychoanalysis, the visual media have become privileged subjects of so-called applied psychoanalysis.

Georg Fingerlos: When the people of Bruck wanted to kill their former Emporer, the beatified Karl

The last sovereign of the Danube Monarchy, Karl Habsburg-Lothringen, refused until his deathin 1922 to accept the republican forms of gouverenment of the monarchy’s successor states. At Easter 1921 he even made anillegaljourney to Budapest and tried to start a revolt to regain his powerin Hungary. After the revolt failed, the Habsburg was brought by special train to Switzerland. The train was guarded by soldiers of the European powers. In Bruck an der Mur (Styria) around 7.000 people occupied the train station and stopped Karl’s train to force him to accept the new republic and to abdicate for good. Otherwise they wanted to hang him or to drown him in the river Mur. After hours-long negotiations and a lockout of the unorganised crowd by the Social-Democrats of Bruck, the transport, which had been stopped in Frohnleiten, was allowed to continue on its way.